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Die Tote im Regen

270 Seiten, € 8,95, ISBN 978-3-492-25838-8, Piper Verlag 2010

 

„Mit der spritzigen Privatdetektivin Anna di Santosa ist der Schriftstellerin der Durchbruch gelungen ... Dem Leser öffnet sich ein ungewöhnlich femininer Krimi: Grausame Szenen werden sehr zurückhaltend behandelt.“

(Der Neue Tag, Weiden)

 

 

Anna di Santosa ist bestürzt: Auf ihren früheren Geliebten Nikolai wurde ein Mordanschlag verübt! Da die Expolizistin und Boutiquenbesitzerin ohnehin plant, sich in Regensburg als Privatdetektivin ein zweites Standbein aufzubauen, begibt sie sich auf die Suche nach dem Attentäter. Ein amüsantes Katz- und Maus-Spiel beginnt: Wer löst den Fall schneller - der leitende Kripokommissar und zugleich Annas geschiedener Mann Paolo, oder die frischgebackene Privatermittlerin? Ihre Nachforschungen führen sie in die Privatklinik, in der Nikolai als Arzt gearbeitet hat. Nachdem eine Leiche aus dem Regen geborgen und erneut versucht wird, den im Koma liegenden Nikolai zu töten, erkennt Anna, dass auch sie in höchster Gefahr schwebt.

 


Pressestimmen:

„Sie verbindet die Grandezza einer Italienerin mit der akribischen Recherchearbeit einer deutschen Kripo-Kommissarin: Die neue Ermittlerin aus der Feder von Hilde Artmeier ist eine ganz eigene Mischung: Ex-Polizistin, Boutique-Besitzerin und als altem toskanischem Adel stammend ... Nach diesem gelungenen, spannenden Auftakt freut man sich auf weitere Begegnungen mit der kapriziösen Anna di Santosa. “

(Rundschau)

„Die Regensburger Autorin hat mit ihrem jüngsten Buch einen besonderen Clou gelandet: Regionalkrimi und Italienkrimi auf einen Streich ... Artmeier liebt die raffinierte Handlung mit überraschendem Ende.“ (Mittelbayerische Zeitung)

„Die Protagonisten und Schauplätze des Romans sind mit Liebe zum Detail und viel Kenntnisreichtum geschildert ... Bei aller Spannung spielen menschliche Gefühle eine wichtige Rolle.“

(Alt-/Neuöttinger Anzeiger)


Leseprobe:

 

„Hast du mich eigentlich geliebt?“, hatte Nikolai mich vor zwei Tagen gefragt.

Und nun sah ich seinen leblosen Körper im Licht der Autoscheinwerfer vor mir liegen und fragte mich verzweifelt, warum ich ihm keine Antwort gegeben hatte. Kaum nahm ich die Gestalt wahr, die sich über ihn beugte, so laut klopfte mein Herz.

Nein, dachte ich. Bitte nicht.

Ich hielt auf dem Parkplatz vor der Klinik an, sprang aus dem Wagen. Die Gestalt hob den Kopf. Eine junge Frau mit bleichem Gesicht. Sie starrte mich an, sah jedoch durch mich hindurch, als wäre ich ein Geist. Dann beugte sie sich wieder nach unten, ihr dicker dunkler geflochtener Zopf fiel nach vorne. Sie legte den Kopf auf Nikolais Brustkorb, horchte, tastete mit routinierten Bewegungen seinen Brustkorb ab, lauschte wieder.

„Die Kollegen sind gleich da.“ Sie sprach langsam und betonte jedes einzelne Wort, als fiele es ihr schwer, es richtig auszusprechen. Ihre Stimme klang ungewöhnlich rauchig.

„Was ist passiert? Ist er tot?“ Ich war wie erstarrt. „Eben haben wir doch noch telefoniert ...“

Neben Nikolai lag ein Handy, in sämtliche Einzelteile zersprungen.

„Lange kann es nicht mehr dauern, bis jemand kommt.“ Die Frau klang, als wollte sie nicht mich, sondern sich selbst beruhigen. Der Aussprache und ihrem Aussehen nach zu urteilen war sie Ausländerin, vermutlich aus Asien. „Ich habe ihn gefunden. Gerade eben, als ich zum Wagen gehen wollte.“

„Wer sind Sie?“ Kaum erkannte ich meine eigene Stimme wieder. „Sagen Sie doch - was ist geschehen?“

„Er hat eine schwere Kopfverletzung.“

Erst jetzt bemerkte ich, dass der Asphalt unter Nikolais Hinterkopf nass glänzte. Im Dämmerlicht der wenigen Straßenlaternen, die ein trügerisch warmes Licht verbreiteten, wurde die kleine dunkle Lache stetig größer.

„Er atmet“, fügte die Frau auf ihre bedächtige Weise hinzu. „Herzschlag und Puls sind schwach, aber spürbar. Vielleicht ist er ausgerutscht. Wo es doch so glatt ist.“

Er atmet, hatte sie gesagt.

„Ich brauche etwas Warmes, etwas zum Zudecken.“

Mit einem Mal löste sich meine Erstarrung. Ich rannte zum Wagen, dessen Tür noch offen stand, zerrte am Kofferraumdeckel. Er ging nicht auf. Wo war der Schlüssel? Kein klarer Gedanke. Er atmet. Nur das war wichtig. Ich war einfach ausgestiegen, der Schlüssel musste noch stecken. Also zurück zum Fahrersitz. Auf dem Weg dorthin geriet ich ins Rutschen, der Boden war tatsächlich glatt. Ja, da war der Schlüssel.

Warum war ich nur zu spät gekommen? Warum hatte ich Nikolai nicht gesagt, was mir auf der Seele lastete, als ich die Gelegenheit dazu hatte? Und warum hatte ich seine verfluchte Frage nicht beantwortet? Was, wenn er jetzt starb, in dieser Winternacht, auf diesem schwarzen, eiskalten Asphalt?

Mit einer muffeligen Wolldecke in den Händen, die ich das ganze Jahr spazieren fuhr, lief ich zurück. Die Frau mit dem langen Zopf, die  Krankenschwester oder Ärztin zu sein schien, deckte Nikolai so sanft zu, als wäre er ein frierendes Baby.

„Dieser Wagen!“, erinnerte ich mich plötzlich. „Vorhin, auf dem Weg zur Klinik, da hat mich jemand fast gerammt. Der Kerl ist gefahren wie ein Wahnsinniger. Der muss doch von hier gekommen sein. Haben Sie ihn gesehen?“

Die Frau sah mich mit leeren Augen an, blieb stumm. Dann widmete sie sich wieder ihrem Patienten.

Ein feiner, eisiger Wind strich an mir vorbei, winzige Flocken streiften meine Wangen. Auf einmal spürte ich, wie kalt meine Zehen und Finger waren. Die Handschuhe lagen irgendwo im Auto. Ob es an Weihnachten endlich richtig schneite?

Er atmet, hatte sie gesagt.

Dann endlich Fußgetrappel, Stimmen, knappe Anweisungen, etwas Schweres rollte durch die Nacht. Gestalten in weißen Anzügen unter dick wattierten Parkas drängten an mir vorbei, eine Krankentrage auf Rädern kam zum Stillstand, die Frau mit dem Zopf trat zur Seite, wechselte leise Worte mit einem hageren Mann. Jemand untersuchte die Wunde an Nikolais Kopf, man schnitt seine Jacke auf, Infusionen wurden angelegt, alles wirkte so professionell und routiniert. Ein anderer Mann, dessen Atem nach Pfefferminzbonbon roch, bat mich, Platz zu machen. Nebenbei telefonierte er nach dem Rettungshubschrauber, der Nikolai in die Uniklinik bringen sollte.

Er atmet, hatte sie gesagt.