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„Hast du mich eigentlich geliebt?“, hatte Nikolai mich vor zwei Tagen
gefragt.
Und nun sah ich seinen
leblosen Körper im Licht der Autoscheinwerfer vor mir liegen und fragte
mich verzweifelt, warum ich ihm keine Antwort gegeben hatte. Kaum nahm ich
die Gestalt wahr, die sich über ihn beugte, so laut klopfte mein Herz.
Nein, dachte ich. Bitte nicht.
Ich hielt auf dem Parkplatz vor der Klinik
an, sprang aus dem Wagen. Die Gestalt hob den Kopf. Eine junge Frau mit
bleichem Gesicht. Sie starrte mich an, sah jedoch durch mich hindurch, als
wäre ich ein Geist. Dann beugte sie sich wieder nach unten, ihr dicker
dunkler geflochtener Zopf fiel nach vorne. Sie legte den Kopf auf Nikolais
Brustkorb, horchte, tastete mit routinierten Bewegungen seinen Brustkorb
ab, lauschte wieder.
„Die Kollegen sind gleich da.“ Sie sprach langsam und betonte jedes
einzelne Wort, als fiele es ihr schwer, es richtig auszusprechen. Ihre
Stimme klang ungewöhnlich rauchig.
„Was ist passiert? Ist er tot?“ Ich war wie erstarrt. „Eben haben wir doch
noch telefoniert ...“
Neben Nikolai lag ein Handy, in sämtliche Einzelteile zersprungen.
„Lange kann es nicht mehr dauern, bis jemand kommt.“ Die Frau klang, als
wollte sie nicht mich, sondern sich selbst beruhigen. Der Aussprache und
ihrem Aussehen nach zu urteilen war sie Ausländerin, vermutlich aus Asien.
„Ich habe ihn gefunden. Gerade eben, als ich zum Wagen gehen wollte.“
„Wer sind Sie?“ Kaum erkannte ich meine eigene Stimme wieder. „Sagen Sie
doch - was ist geschehen?“
„Er hat eine schwere Kopfverletzung.“
Erst jetzt bemerkte ich, dass der Asphalt unter Nikolais Hinterkopf nass
glänzte. Im Dämmerlicht der wenigen Straßenlaternen, die ein trügerisch
warmes Licht verbreiteten, wurde die kleine dunkle Lache stetig größer.
„Er atmet“, fügte die Frau auf ihre bedächtige Weise hinzu. „Herzschlag
und Puls sind schwach, aber spürbar. Vielleicht ist er ausgerutscht. Wo es
doch so glatt ist.“
Er atmet, hatte sie gesagt.
„Ich brauche etwas Warmes, etwas zum Zudecken.“
Mit einem Mal löste sich meine Erstarrung. Ich rannte zum Wagen, dessen
Tür noch offen stand, zerrte am Kofferraumdeckel. Er ging nicht auf. Wo
war der Schlüssel? Kein klarer Gedanke. Er atmet. Nur das war wichtig. Ich
war einfach ausgestiegen, der Schlüssel musste noch stecken. Also zurück
zum Fahrersitz. Auf dem Weg dorthin geriet ich ins Rutschen, der Boden war
tatsächlich glatt. Ja, da war der Schlüssel.
Warum war ich nur zu spät gekommen? Warum hatte ich Nikolai nicht gesagt,
was mir auf der Seele lastete, als ich die Gelegenheit dazu hatte? Und
warum hatte ich seine verfluchte Frage nicht beantwortet? Was, wenn er
jetzt starb, in dieser Winternacht, auf diesem schwarzen, eiskalten
Asphalt?
Mit einer muffeligen Wolldecke in den Händen, die ich das ganze Jahr
spazieren fuhr, lief ich zurück. Die Frau mit dem langen Zopf, die
Krankenschwester oder Ärztin zu sein schien, deckte Nikolai so sanft zu,
als wäre er ein frierendes Baby.
„Dieser Wagen!“, erinnerte ich mich plötzlich. „Vorhin, auf dem Weg zur
Klinik, da hat mich jemand fast gerammt. Der Kerl ist gefahren wie ein
Wahnsinniger. Der muss doch von hier gekommen sein. Haben Sie ihn
gesehen?“
Die Frau sah mich mit leeren Augen an, blieb stumm. Dann widmete sie sich
wieder ihrem Patienten.
Ein feiner, eisiger Wind strich an mir vorbei, winzige Flocken streiften
meine Wangen. Auf einmal spürte ich, wie kalt meine Zehen und Finger
waren. Die Handschuhe lagen irgendwo im Auto. Ob es an Weihnachten endlich
richtig schneite?
Er atmet, hatte sie gesagt.
Dann endlich Fußgetrappel, Stimmen, knappe Anweisungen, etwas Schweres
rollte durch die Nacht. Gestalten in weißen Anzügen unter dick wattierten
Parkas drängten an mir vorbei, eine Krankentrage auf Rädern kam zum
Stillstand, die Frau mit dem Zopf trat zur Seite, wechselte leise Worte
mit einem hageren Mann. Jemand untersuchte die Wunde an Nikolais Kopf, man
schnitt seine Jacke auf, Infusionen wurden angelegt, alles wirkte so
professionell und routiniert. Ein anderer Mann, dessen Atem nach
Pfefferminzbonbon roch, bat mich, Platz zu machen. Nebenbei telefonierte
er nach dem Rettungshubschrauber, der Nikolai in die Uniklinik bringen
sollte.
Er atmet, hatte sie gesagt.
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